Gibt es aktuell nach dem 7.10. mehr Mehrfachdiskriminierungen im Sozialberatungskontext in Deutschland? Wirkt sich der allgemeine politische Trend negativ aus für die Beratungsleistungen gegenüber Menschen mit jüdischen Glauben.
Projektskizze: Jüdisch, behindert, diskriminiert – Intersektionale Beratung und Empowerment in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung
1. Ausgangslage und Problemaufriss
Die Lebensrealität von Menschen mit Behinderung jüdischen Glaubens in Deutschland ist oftmals durch mehrfache Diskriminierungserfahrungen geprägt. Sie stehen vor der Herausforderung, sich sowohl gegen Ableismus (Behindertenfeindlichkeit) und soziale Ausgrenzung als auch gegen Antisemitismus zur Wehr setzen zu müssen.
Durch die Ereignisse des 7. Oktobers und die darauffolgenden politischen Entwicklungen hat sich das gesellschaftliche Klima in Deutschland spürbar verschärft. Im Sozialberatungskontext zeigt sich eine besorgniserregende Zunahme antisemitischer Vorfälle. Betroffene jüdischen Glaubens berichten vermehrt von unsicherem Erleben im öffentlichen Raum, in Bildungseinrichtungen und auch innerhalb allgemeiner sozialer Hilfestrukturen. Diese negative politische Entwicklung und die zunehmende Polarisierung wirken sich unmittelbar auf die Beratungsleistungen aus: Menschen mit jüdischem Glauben meiden aus Angst vor Stigmatisierung häufig reguläre Beratungsstellen oder erleben dort mangelnde Sensibilität für ihre spezifischen Bedarfe. Allgemeine Beratungsangebote stoßen aufgrund fehlender intersektionaler Ansätze oft an ihre Grenzen.
2. Zielsetzung
Das Projekt zielt darauf ab, die psychosoziale und rechtliche Beratungssituation für Menschen jüdischen Glaubens mit Behinderung zu verbessern.
- Abbau von Mehrfachdiskriminierung: Erkennung und gezielte Bearbeitung von Schnittmengen zwischen Ableismus und Antisemitismus.
- Community-basiertes Empowerment: Schaffung geschützter Räume, die von Vertrauen, jüdischem Leben und barrierefreien Zugängen geprägt sind.
- Sensibilisierung der Regeldienste: Qualifizierung von Fachkräften in Sozialberatungsstellen, um antisemitische und ableistische Dynamiken, insbesondere nach dem 7.10., erkennen und angemessen darauf reagieren zu können.
3. Zielgruppe
- Primärzielgruppe: Menschen jüdischen Glaubens mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen, die von Mehrfachdiskriminierung betroffen sind.
- Sekundärzielgruppe: Angehörige von Betroffenen, jüdische Gemeinden sowie Fachkräfte aus der Sozialberatung und Antidiskriminierungsarbeit, die für die Thematik sensibilisiert werden sollen.
4. Geplante Maßnahmen
- Aufbau einer spezialisierten Anlaufstelle: Einrichtung eines Beratungsangebots, das traumasensibel und auf die besonderen Sicherheitsbedürfnisse jüdischer Ratsuchender ausgerichtet ist.
- Intersektionale Fallberatung: Bereitstellung mehrsprachiger und rechtlicher Beratung, die sowohl das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) als auch die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) einschließt.
- Fortbildungen und Workshops: Konzeption von Schulungsmodulen für Mitarbeitende in Sozialämtern, Wohlfahrtsverbänden und allgemeinen Beratungsstellen, um für die spezifischen Ausprägungen von Mehrfachdiskriminierung zu sensibilisieren.
- Netzwerkarbeit: Enge Zusammenarbeit mit bestehenden jüdischen Wohlfahrtsstrukturen (z.B. der ZWST) und Fachstellen für Antisemitismus (wie z.B. OFEK e.V.).
5. Erwartete Ergebnisse und Nachhaltigkeit
Das Projekt soll den Weg für eine nachhaltig verbesserte Beratungskultur ebnen. Durch die Erhebung und anonymisierte Auswertung der Beratungsfälle können strukturelle Lücken in der bundesdeutschen Beratungslandschaft sichtbar gemacht werden. Es entsteht ein Multiplikatoreneffekt, der über die Projektlaufzeit hinaus zu einem diskriminierungssensibleren Umgang in den allgemeinen sozialen Diensten führt.